Programmhinweis

Das Konzert des Cantabile Chores Pratteln führt weltliche und geistliche Werke im Programm.

Ihre Komponisten verbindet eines: die Wurzeln ihrer Inspirationen liegen in der Volksmusik. Die jeweilige musikalische Umsetzung führt jedoch zu faszinierend unterschiedlichen Ergebnissen.

Johannes Brahms komponiert die Zigeunerlieder anlässlich eines Aufenthalts in Budapest im Winter 1887/88. Dieselben Ansprüche, die Brahms ganzes Chorwerk durchziehen, gelten auch für dieses Genre: eine subtile kammermusikalische Auslotung der klanglichen und satztechnischen Möglichkeiten. Vertont werden Texte aus dem ungarischen Kulturbereich. Der Bezug zur ungarischen Volksmusik ist jedoch vielfach gefiltert. Zigeunermusiken, die in der Metropole eine klischeehafte Vorstellung verbreiten, bieten dem Komponisten lediglich Anregungen für ein Schaffen, das von ganz eigenen Quellen gespeist ist.

Die 4 slowakischen Volkslieder von Béla Bartók sowie von Zoltán Kodály Morgengruss und Abend haben dagegen ganz andere Bezüge zur Folklore ihres Landes. Beide Komponisten vereinen in sich den Typus ‚Sammler und Forscher’ der Volksmusik aus Ungarn, den Balkanstaaten, der Türkei und Russland. Gleichzeitig sind Bartók und Kodály als Komponisten auch Neutöner. Die gesammelte Musik fliesst hier direkt als Grundlagenmaterial in die eigene kompositorische Arbeit ein. Ein Grossteil der Lieder - wie die im aktuellen Programm aufgeführten - wurden direkt übernommen und für Chor a cappella oder mit Klavierbegleitung bearbeitet.


Sergej Rachmaninows Ganznächtliches Vigil
umfasst die Abend- und Morgenoffizien vor Sonn- und Feiertagen und wird gewöhnlich am Samstagabend zelebriert. Rachmaninow macht in der Vigil Gebrauch von den alten einstimmigen Gesangsweisen der orthodoxen Kirche, die er in seine impressionistischen Klangvorstellungen einbettet. Im Zusammenhang mit den alten Melodien steht auch die freie, oftmals auf jegliche Takteinteilung verzichtende Rhythmik. Der Komponist verleiht den in den liturgischen Texten geäusserten religiösen Gedanken und Empfindungen ungebändigten subjektiven Ausdruck – was jedoch nicht im Sinne der offiziellen Geistlichkeit war.


Heitor Villa-Lobos
kehrt in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts von seiner zweiten Parisreise in seine Heimat Brasilien zurück, überzeugt, den Schlüssel für seinen künstlerischen Durchbruch und Erfolg gefunden zu haben. Die Verbindung der indianischen und afrikanischen Wurzeln der einheimischen Volksmusik mit dem städtischen Musikleben wird zum Fundament für ein neues Werk. Originalität und Exotik wirken beinahe berechnet, trotzdem bleibt es immer eigen, expressiv und höchst kreativ. Duas Lendas Amerindias und Na Bahia Tem gehören zu dieser Werkgruppe. Die Motetten sind traditionell gehalten und für die in den 40-er Jahren entstandene Chorbewegung geschrieben. Villa Lobos hat diese als Kulturbeauftragter stark gefördert und daneben noch Konservatorien, Orchester und Musikschulen gegründet.


Die Wiederentdeckung der Volksmusik als Wurzel für das musikalische Schaffen ist am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in ganz Europa wegweisend gewesen. Der 'Nationale Stil' ist geprägt einerseits vom innermusikalischen und andererseits vom historisch-politischen Zeitfaktor. Musikalisch hat sich zu dieser Zeit das bis anhin verwendete Material von Tonleitern und Harmoniebeziehungen erschöpft. Die Suche nach neuen Grundlagen schloss die Erweiterung der bisherigen Materialien, sowie die Besinnung auf historische oder aussereuropäische Musik, andere Stile und Sparten, aussermusikalische Elemente oder eben die Volksmusik ein. Bei Bartók, Kodály und Villa-Lobos verband sich diese Besinnung mit einer Erneuerung des nationalen Bewusstseins und mit der Formulierung einer eigenen kulturellen Identität. Deshalb wirkten die drei Komponisten in ihren Ländern jeweils auch als herausragende Kulturvermittler und Pädagogen.


Mit diesen Erläuterungen soll der innere Zusammenhang, die gedankliche Verbindung der verschiedenen Kompositionen und ihrer Schöpfer sichtbar gemacht werden. Wirken dagegen soll die Schönheit und Originalität der einzelnen Werke, die zu Recht als Perlen musikalischer Schöpfungskraft bezeichnet werden.

 
BD